Wieder Paris. Eigentlich noch immer. Der erste Tote. Sagt man.
Der Dritte. Eigentlich. Mit den zwei Jugendlichen.
Die Masse tobt. Immer noch. Immer mehr. Keine Hoffnung auf Frieden.
LukSus - 7. Nov, 23:43
In Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaft nicht zum Erstarken kommt, die Bildung immer schlechter wird, wittern rechte Außenposten ihre Chance. Sei es die NPD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, der Vlaams Block in Holland oder die PiS in Polen, um nur einige Beispiele zu nennen. Nationalismus und Xenophobie sind wieder en vogue.
Dabei ist es ja nicht etwas grundlegend Schlechtes, dass jedem Menschen ein gewisser Argwohn inneliegt, Fremdem zu begegnen. Dieser Argwohn, kombiniert mit Neugierde, ist berechtigt, ist dem Menschen doch das Verlangen eigen, aus der Erfahrung heraus Entscheidungen zu treffen. Die einfachste Differenzierung zwischen Dingen ist also die Differenzierung zwischen bekannt und fremd.
In Zeiten, in denen Paris von Unruhen heimgesucht wird, in denen der Terror wie ein Damoklesschwert über der westlichen Welt zu ruhen scheint, in denen die großen Volksparteien nicht mehr weiter wissen, treten die Ränder auf den Plan. Sie reduzieren den Menschen zum Beispiel auf ein deutsch oder fremd. Im Wahlprogramm der NPD ist es auch nicht verwunderlich, dass verlangt wird, Deutschland solle wieder deutsch werden, was auch immer das heißen soll, oder auch einmal geheißen hat.
Die Menschen sind anfällig für diese einfach gestrickten Gedanken, das ist uns schon mindestens seit den 40er Jahren bekannt. Nationalismus erstarkt immer in geschichtlichen Momenten der scheinbaren Ausweglosigkeit. In einem solchen befinden wir uns zwar bei weitem noch nicht, dennoch gewinnt der national-konservative Strom weiter an Bedeutung.
Einer der Gründe liegt in der Bequemlichkeit, sprich dem Desinteresse der Menschen. Es ist einfach die Schuld von sich zu weisen, sich in ein elitäres Grüppchen zu begeben und mit dem Finger dann auf die anderen zu zeigen. Es bedarf nicht viel Persönlichkeit sich als gestandener Deutscher, Österreicher o.Ä. zu präsentieren. Man muss sich nicht mit Themen der Nationalökonomie beschäftigen, den Sozialmarkt verstehen oder die Menschenrechte kennen, man ist in der Lage zu sagen, dass alles nur wegen denen so ist.
Hoffen wir darauf, dass sich die Volksparteien über die Gefahr im Klaren sind und nicht Antisemitismus, Rassismus und Menschenverachtung wieder an Stärke gewinnen.
LukSus - 7. Nov, 12:26
Die Gewalt lässt Paris nicht mehr los. Aller Voraussicht nach, wird sie das auch nicht in absehbarer Zeit. Das Pulverfass scheint explodiert und nun hat man mit Bränden in mehreren Städten zu rechnen. Das Feuer, ein guter Freund einer jeden Revolution, wütet in den Vorstädten. Alles, was als Repräsentanz des Systems angesehen werden kann, soll in Flammen aufgehen: Schulen, die die meisten der Randalen nie beendet haben und weswegen sie auch keine Berufsaussichten haben, Fabriken, die Arbeit bieten, aber eben keine Arbeit für sie, und Autos, Statussymbole des Wohlstands, gleichzeitig aber auch sehr willkommene Ziele, aufgrund ihrer Größe.
Gläser zersplittern, Menschen schreien, Flammen züngeln. Geräusche eines Aufstandes der Schwachen. Fenster von Häusern werden zertrümmert, weil man dem Haus damit jeden Schutzcharakter raubt. Gleichzeitig manifestiert sich das Geräusch des zerberstenden Glases auch zum Revolutionsgeräusch, zum Geräusch der Zerstörung. Das Feuer manifestiert sich zum Bild der Zerstörung.
Diese Form der Gewalt wird weiter anhalten. Sie nährt ihre Vollstrecker aus dem Hass, der von den sozialen Spannungen über Jahrzehnte geschürt wurde, und gewinnt immer mehr Zuspruch. Dass die Krawalle nicht ins Stocken geraten, heißt ja nicht, dass die Polizei nicht in der Lage ist, Leute festzunehmen, sondern dass sich immer mehr anschließen.
Würde Polititk nicht aus reiner Schönrederei bestehen, sondern aus Handlungen, stünde Europa vor einigen Problemen weniger. So aber versinkt Frankreich in einem Sumpf der Gewalt, die noch mehr Gewalt zur Folge hat. Und auch andere Länder haben ghettoartige Regionen, in denen soziale Spannungen ins Extrem geschürt werden. Nun wäre es an der Zeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, auch wenn gerade kein Wahlkampf ist.
LukSus - 7. Nov, 11:11
Ergänzend zu dem bereits verfassten möchte ich noch einige wenige Gedanken betreffend der Unruhen in Paris loswerden.
Die Masse an Protestierern wird durch drei Dinge wesentlich gestärkt. Zunächst einmal durch ihr Ziel, das sie selbst im Bereich des Aufzeigens sozialer Missstände sieht. Dieses Ziel ist fern und idealistisch, daher ist die Masse fähig ins Unermessliche anzuwachsen, sofern die Polizei es nicht schafft dies mit diplomatischen Mitteln zu unterbinden. Zweitens findet sich in Innenminister Sarkozy ein perfektes Feindbild, denn die verbale Entgleisung, die er sich leistete (wir reinigen die Straße "wie ein Hochdruckreiniger" von dem "Gesindel"(!)), sucht ihresgleichen.
Schließlich ist die Masse auch noch von dem lüsternen und irrationalen Gedanken der Rache erfüllt, was sie unkontrollierter und aggressiver macht. Dass bis jetzt 150 Autos in Flammen aufgingen und sich die Schlachten mit der Polizei mittlerweile schon über sechs Tage ziehen, zeugt von der Zähigkeit der Masse und von ihrer Bereitschaft zur Zerstörung.
Die Masse hat Paris in Geißelhaft genommen, die Stadt leidet nun unter den Folgen einer missglückten Asylpolitik in den Beginnen der 5. Republik. Neben der Courage der Politiker nach konstruktiven, mitunter sicher auch unpopulären, Vorschlägen, zu suchen mangelt es Frankreich an Selbstreflexion zu diesem Thema. Verständnis. Frieden.
LukSus - 2. Nov, 22:29
In dem Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois und in der Region Seine-Saint-Denis kam es in den letzten Nächten wiederholt zu Kämpfen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Brennende Autos. Molotowcocktails. Gummiknüppel. Tränengas.
Der einzige Ausweg aus der Spirale der sozialen Spannungen scheint die Flucht nach vorne, die Gewalt, zu sein. Wie sonst kann man es erklären, dass Jugendbanden in den Pariser Vororten zum Alltag gehören und der Ausdruck Ghetto nicht unbedingt die Problematik verfehlt? Frankreich hat aufgrund der Provinzen ein größeres Migrationsproblem als beispielsweise Österreich oder Deutschland, und Tage wie diese zeigen, dass Frankreich dieses Problem sichtbar nicht bewältigen kann.
Die Arbeitslosigkeit unter Migranten liegt mehrfach höher als die Übliche. Das ist an sich nichts Überraschendes, auch in anderen Ländern sieht die Faktenlage so aus. Kombiniert mit der Anzahl und der zunehmenden Ghettoisierung ergibt sich allerdings ein gefährlicher Cocktail. Diese Ausschreitungen werden nicht die letzten gewesen sein, solange es der französischen Regierung nicht gelingt einen anderen Kurs einzuschlagen.
Gewalt ist in den seltensten Fällen unbegründet, taucht sie in einer Masse auf, hat sie meist ein Ziel, das es zu verwirklichen gilt. Die Masse, die sich in den Straßen der Pariser Vororten sammelt, ist eine offene Masse. Sie ist in der Lage stetig zu wachsen und Menschen für sich zu gewinnen. Gleichzeitig ist sie eine sehr langsame Masse, da ihr Ziel, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit etc. ein weit entferntes ist, was sie sehr gefährlich macht, schließlich ist sie damit in der Lage lange zu wachsen und vieles an Gewalt und an Frust zu laden.
Diese offene und langsame Masse lebt nur für den Moment der Entladung. Ihr wohnt eine vom Frust dominierte Zerstörungssucht inne, die ja nicht einmal schwer nachzuvollziehen ist. Frankreich muss aufpassen, dass sie dieser Masse nicht noch mehr Macht verschafft, ansonsten könnte es zu einer sehr blutigen Entladung in den Pariser Straßen kommen. Die Aufgabe der Politik ist es, dieser Masse das Wachstum abzugraben, indem sie für tragbare soziale Zustände sorgt. Möge ihr das gelingen. Mit Vernunft. Mit Menschlichkeit.
LukSus - 2. Nov, 08:37