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10
Nov
2005

Sex. Kirche.

Die Österreicher lieben oft und gut. Sagt die Durex Studie.

Österreich muss vor allem im Bereich der Sittenlehre machen.

Was heißt das?

Österreicher schildern ihr Sexleben positiver als früher. 48 % sind zufrieden damit. 52 % nur sind frustriert. Großartig!

Wir sind zu verdorben. Wir haben Sex vor der Ehe. Wir brauchen die Übung doch gar nicht. Denn nur 52 % sind frustriert.

Wir müssen Umkehr zur Einkehr halten! Weg von der Emanzipierung der sozialen und emotionalen Freiheit. Hin zur neokonservativen Verkorksheit und zum sexuellen Mittelalter.

Ein Hoch auf die Kirche. Das sind die, die visionär denken...

7
Nov
2005

Mehr. Sturm.

Wieder Paris. Eigentlich noch immer. Der erste Tote. Sagt man.
Der Dritte. Eigentlich. Mit den zwei Jugendlichen.
Die Masse tobt. Immer noch. Immer mehr. Keine Hoffnung auf Frieden.

Emanzipation. Im Kopf.

Die Entwicklung der Gleichberechtigung gilt als fortgeschritten, wenngleich auch nicht als abgeschlossen. Man freut sich ob neuer Statistiken über Frauenanteile in Firmen. Man überlegt laut Bundeshymnen geschlechtsneutral zu gestalten. Sprich: Man versucht die Emanzipation schön öffentlich hinter Zahlen zu verstecken. Doch Entwicklungen müssen auch von den Menschen gelebt werden.

Keine Veränderung ohne die Menschen. Also keine Veränderung. Die häusliche Gewalt ist und bleibt ein Thema, und das nicht nur in Migrantenfamilien. Die Respektlosigkeit, mit der Frauen entgegengetreten wird, ist allgegenwärtig, auch außerhalb von Haushalten. Die Pietätlosigkeit der Werbung reduziert Frauen auf das, was den Verkauf steigert und mindert damit die geistige Emanzipation zu einem Gutteil mit.

Denn was nützt der gute Gedanke der wenigen gegen die stumpfe Dummheit der Vielen? Nicht viel leider.

Schon bei der EU hat man Ähnliches festgestellt. Europa stirbt, wenn man Europa keine Seele besitzt.

Rechts. Wegen.

In Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaft nicht zum Erstarken kommt, die Bildung immer schlechter wird, wittern rechte Außenposten ihre Chance. Sei es die NPD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, der Vlaams Block in Holland oder die PiS in Polen, um nur einige Beispiele zu nennen. Nationalismus und Xenophobie sind wieder en vogue.

Dabei ist es ja nicht etwas grundlegend Schlechtes, dass jedem Menschen ein gewisser Argwohn inneliegt, Fremdem zu begegnen. Dieser Argwohn, kombiniert mit Neugierde, ist berechtigt, ist dem Menschen doch das Verlangen eigen, aus der Erfahrung heraus Entscheidungen zu treffen. Die einfachste Differenzierung zwischen Dingen ist also die Differenzierung zwischen bekannt und fremd.

In Zeiten, in denen Paris von Unruhen heimgesucht wird, in denen der Terror wie ein Damoklesschwert über der westlichen Welt zu ruhen scheint, in denen die großen Volksparteien nicht mehr weiter wissen, treten die Ränder auf den Plan. Sie reduzieren den Menschen zum Beispiel auf ein deutsch oder fremd. Im Wahlprogramm der NPD ist es auch nicht verwunderlich, dass verlangt wird, Deutschland solle wieder deutsch werden, was auch immer das heißen soll, oder auch einmal geheißen hat.

Die Menschen sind anfällig für diese einfach gestrickten Gedanken, das ist uns schon mindestens seit den 40er Jahren bekannt. Nationalismus erstarkt immer in geschichtlichen Momenten der scheinbaren Ausweglosigkeit. In einem solchen befinden wir uns zwar bei weitem noch nicht, dennoch gewinnt der national-konservative Strom weiter an Bedeutung.

Einer der Gründe liegt in der Bequemlichkeit, sprich dem Desinteresse der Menschen. Es ist einfach die Schuld von sich zu weisen, sich in ein elitäres Grüppchen zu begeben und mit dem Finger dann auf die anderen zu zeigen. Es bedarf nicht viel Persönlichkeit sich als gestandener Deutscher, Österreicher o.Ä. zu präsentieren. Man muss sich nicht mit Themen der Nationalökonomie beschäftigen, den Sozialmarkt verstehen oder die Menschenrechte kennen, man ist in der Lage zu sagen, dass alles nur wegen denen so ist.

Hoffen wir darauf, dass sich die Volksparteien über die Gefahr im Klaren sind und nicht Antisemitismus, Rassismus und Menschenverachtung wieder an Stärke gewinnen.

Zeit. Auf. Sturm.

Die Gewalt lässt Paris nicht mehr los. Aller Voraussicht nach, wird sie das auch nicht in absehbarer Zeit. Das Pulverfass scheint explodiert und nun hat man mit Bränden in mehreren Städten zu rechnen. Das Feuer, ein guter Freund einer jeden Revolution, wütet in den Vorstädten. Alles, was als Repräsentanz des Systems angesehen werden kann, soll in Flammen aufgehen: Schulen, die die meisten der Randalen nie beendet haben und weswegen sie auch keine Berufsaussichten haben, Fabriken, die Arbeit bieten, aber eben keine Arbeit für sie, und Autos, Statussymbole des Wohlstands, gleichzeitig aber auch sehr willkommene Ziele, aufgrund ihrer Größe.

Gläser zersplittern, Menschen schreien, Flammen züngeln. Geräusche eines Aufstandes der Schwachen. Fenster von Häusern werden zertrümmert, weil man dem Haus damit jeden Schutzcharakter raubt. Gleichzeitig manifestiert sich das Geräusch des zerberstenden Glases auch zum Revolutionsgeräusch, zum Geräusch der Zerstörung. Das Feuer manifestiert sich zum Bild der Zerstörung.

Diese Form der Gewalt wird weiter anhalten. Sie nährt ihre Vollstrecker aus dem Hass, der von den sozialen Spannungen über Jahrzehnte geschürt wurde, und gewinnt immer mehr Zuspruch. Dass die Krawalle nicht ins Stocken geraten, heißt ja nicht, dass die Polizei nicht in der Lage ist, Leute festzunehmen, sondern dass sich immer mehr anschließen.

Würde Polititk nicht aus reiner Schönrederei bestehen, sondern aus Handlungen, stünde Europa vor einigen Problemen weniger. So aber versinkt Frankreich in einem Sumpf der Gewalt, die noch mehr Gewalt zur Folge hat. Und auch andere Länder haben ghettoartige Regionen, in denen soziale Spannungen ins Extrem geschürt werden. Nun wäre es an der Zeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, auch wenn gerade kein Wahlkampf ist.

6
Nov
2005

Sex. Kampf.

Er verstehe es nicht, dass seine Frau nicht mit ihm "pudern" wolle, wenn er vom "Bau" heimkommt. Er verstehe es nicht, warum sie von ihm verlangt, dass er sich "woschn" soll, bevor er sie bedrängt. Er habe doch ein Recht darauf, nach einem Arbeitstag auf Sex zu bestehen.

Auch sein Freund versteht das nicht. Mit den Frauen sei alles immer so ein Drama. Da soll man einerseits Geld verdienen, andererseits soll man nicht direkt vom Bau ins Bett... unverständlich.

Sex wird zum Kampf. Zum Kampf um Zuwendung und Veränderung. Hier entscheidet sich die Vorherrschaft in der Beziehung. Wer drängt und bekommt, wird immer drängen, auch wenn er nicht bekommt. Sex wird so zu einem Druck- und Drohmittel.

Wie konnte es soweit kommen? Liegt die Lösung in der Überstrapazierung des Themas durch die Medien, explizit durch die Werbung?

"A Muschi is a Muschi." Ein Zitat eines Menschen, den ich in keinster Weise würdige, aber als Extrembeispiel zu diesem Thema sehr schätze. Ihn treibt die Angst der Zurückweisung. Er sucht seine Partnerinnen in einem Umfeld, in dem es keine Zurückweisung gibt. Ins Puff gehen ist für ihn kein Tabu, sondern Alltag. Nicht täglich, aber regelmäßig. Seine Freundin fragt er am Telefon, ob sie noch die Regel hat, denn dann braucht er ja nicht zu ihr fahren. Die Werbung beurteilt er nach der Anzahl der "Nackerten" und wie groß ihre "Tutteln" sind. Einen großen Dank an die Werbung...

Sex ist ein Kampf. Gegen die Liebe. Für einen selbst. Ein Statussymbol. Man kann es kaufen, herzeigen, tauschen. Sex ist für viele Menschen fernab jeglicher sensibler Erotik zu finden. Sie könnten Sex auch mit Puppen haben, solange diese warm sind. Sex ist Magnet von Aufmerksamkeit. Jeder möchte ihn haben, sehen, fühlen. Sex soll stärken.

Sex ist für diese Menschen Erniedrigung. Wer erniedrigt, geht gestärkt in den Alltag, überliegt bei Streitereien, kann bestimmen. Wer erniedrigt wird, wird reduziert, entwickelt Ängste und wird immer wieder erniedrigt. Zu einer "Muschi", die sich nicht wehren soll, wenn er Sex haben will.

Sex ist Kampf. Leider.

Sex ist Liebe. Zum Glück.

5
Nov
2005

Erstaunlich. Traurig.

Es ist schon seltsam, was man alles im Internet findet. Hier die Hompage von zwei 13-Jährigen "Pop-Musikerinnen", sofern der Name bei dermaßen Geschmacklosigkeiten überhaupt zutrifft. Ihr Bandname lautet "Prussian Blue" und ihre Texte gehen in folgende Richtung:

Times are very tough now for a proud White man to live. And although it may appear that this world has no life to give. Times are soon changing, this cant go on or long. And on that joyful summer’s day we’ll sing our Victory song…..

Die amerikanische Gesellschaft bewegt sich immer mehr auf einen Pfuhl aus Rassismus und religiösem Fanatismus zu. Hoffen wir auf die Erkenntnis. Hier der Link für alle, die sich gern schocken möchten.

www.prussianblue.net

4
Nov
2005

Reality. Media.

Als Mitte der 90er Jahre die ersten Reality-Shows wie Big Brother boomten, hat wohl noch niemand geahnt, welche grundlegenden Veränderungen des Medienverständnisses diese Entwicklung mit sich bringen könnte. Heute, im Jahre 2005 scheint nichts mehr unmöglich. Hier werden schwer erziehbare Kinder „professionell“ vor laufender Kamera „normalisiert“. Dort werden Kandidaten in souveräner Big Brother–Manier über Monate in den Container gesperrt. Wieder woanders buhlen 25 junge Frauen mit jeder erdenklichen Peinlichkeit um ihren „Bachelor“. Doch wohin wird diese Entwicklung führen?

Der Kampf um die Einschaltquoten beantwortet diese Frage. Auf der Suche nach neuen Ideen wird schnell jegliche moralische Blockade überwunden. So werden im Reality-Format „The Swan“ auf FOX und auf ProSieben Menschen bei ihrem chirurgischen Weg vom hässlichen Entlein zum strahlenden Schwan gezeigt. Das russische Format „Golod“ (Hunger) hat den Trend der Zeit anscheinend erkannt und zeigt die Teilnehmer beim Verdienst ihres täglich Brot: erworben durch Betteln in der deutschen Bundeshauptstadt Berlin. In „Die Super Nanny“ lernt man, wie man „mit aufsässigem Nachwuchs fertig wird.“ So wird der zornige Max zum Beispiel ins „Stille Zimmer“ gesperrt, natürlich vor laufender Kamera. Ebenfalls vor laufender Kamera sieht man, wie der einst so starke Max einen Weinanfall bekommt. Dies wird von der Super Nanny als Erziehungserfolg gewertet, der deutsche Kinderschutzbund erkennt darin einen gebrochenen Willen.

Doch welcher Sinn steht hinter diesen und anderen Reality-Shows?

Diese Shows möchten die Wirklichkeit zeigen, sie wollen uns die Möglichkeit bieten, unseren Mitbürger bei seinem Tun und Treiben zu beobachten. Egal, ob unter künstlichen Bedingungen, also im Container, oder im alltäglichen Leben, diese Sendungen bieten ein reines Beobachten, das Publikum verkommt zum Voyeur. Das Zielpublikum sind also eindeutig FreundInnen der einfachen Unterhaltung. Der Medienkonsum soll sie nicht allzu stark belasten, da sie Entspannung von einem harten Arbeitstag brauchen oder es vielleicht endlich geschafft haben, ihren Nachwuchs ins Bett zu kriegen. Auf alle Fälle sind diese Formate professionelle Methoden, vor dem eigenen Leben zu flüchten, denn im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten, das Medium Fernsehen zu konsumieren, leiden Reality-Shows an einer fehlenden Atmosphäre und fehlender Information.

Auch die Zeit für wahre Gefühle, sei es nun Angst, Wut oder Liebe, nimmt sich eine Reality-Show nicht. So mag wohl der größte Unterschied zum herkömmlichen Fernsehen sein, dass man nach dem Konsum nichts aus der Sendung mitgenommen hat, sei das nun Wissen durch Dokumentation oder Nachrichten, oder Atmosphäre und Gefühle durch Filme und Dramen. In einer Welt, der von so vielen Seiten ihre Kälte und ihre Unwissenheit vorgeworfen wird, liegen Formate im Trend, die eben das propagieren: Das Einfache soll siegen, geistige Tiefe ist „out“.

3
Nov
2005

Fremde. Heimat.

Ich schritt durch die nunmehr leere Straße, die ich schon so oft durchquert hatte, sei sie nun leer gewesen oder von Menschen bevölkert. Der Herbst hatte den Asphalt mit Blättern bedacht, die von den majestetischen Bäumen wie Regen fielen, um der Sonne zu helfen auf die Menschen zu schauen. Die Luft war feucht von dem leichten Nieselregen, der erst Minuten davor aussetzte, um dem letzten Sonnenstrahl noch die Ehre zu erweisen. Die Straße schien einzig von den Sphären der Natur durchsetzt und bis auf die Anzeichen der Zivilisation, in Form von Beton und Blech, deutete nichts auf die Anwesenheit von Menschen hin. Wobei nichts, ob der sechsstöckigen Häuserblöcke und der vielen geparkten Autos, vielleicht ein wenig seltsam anmuten mag. Doch es war eben einer dieser seltenen Momente, die uns den Frust des Leides, das man sehen, aber nicht lindern kann, nehmen und uns mit der Lust des Lebens, die man nicht sehen, aber fühlen kann, umströmen.

In solchen Momenten kann man nichts anderes tun als innehalten. Man kann auch versuchen sie festzuhalten, um die Magie des Augenblicks mithilfe einer mehr oder weniger geglückten Wahl von Worten zu verbalisieren.

Vernachlässigen wir also für einen Augenblick die aufgedrängten äußerlichen Fragen nach irgendwelchen Nichtigkeiten, die uns justament so wichtig erscheinen. Fragen nach dem Tod, der Gerechtigkeit, der Menschlichkeit, sie sind nur eine Last, die die Magie des Augenblicks rauben und niemals etwas gleichwertiges zurückgeben, da sie die Vernunft der Mitmenschen erfordern, was nicht nur idealistisch, sondern schlichtweg dumm ist.


Befreit von all diesen Fragen, immer noch erfüllt von der Erhabenheit des Augenblicks, da die Natur, mitten in dem von Menschen erschaffenenm Werk, jegliche Struktur und Ordnung bricht, nur um für ein Quäntchen Zeit sich zu offenbaren, vergesse ich den Ort, an dem ich stehe. Und plötzlich, eingeholt von der Realität, von Stimmen, die sich nähern und verlieren, von Geräuschen, die mich umgeben, von der Luft, die schwer vom Wind getragen wird, begreife ich, was mein Verstand mir sagt: Die Heimat des Menschen liegt dort, wo Fremde etwas Magisches ist.

2
Nov
2005

Gewalt. Eskalation.

Ergänzend zu dem bereits verfassten möchte ich noch einige wenige Gedanken betreffend der Unruhen in Paris loswerden.

Die Masse an Protestierern wird durch drei Dinge wesentlich gestärkt. Zunächst einmal durch ihr Ziel, das sie selbst im Bereich des Aufzeigens sozialer Missstände sieht. Dieses Ziel ist fern und idealistisch, daher ist die Masse fähig ins Unermessliche anzuwachsen, sofern die Polizei es nicht schafft dies mit diplomatischen Mitteln zu unterbinden. Zweitens findet sich in Innenminister Sarkozy ein perfektes Feindbild, denn die verbale Entgleisung, die er sich leistete (wir reinigen die Straße "wie ein Hochdruckreiniger" von dem "Gesindel"(!)), sucht ihresgleichen.

Schließlich ist die Masse auch noch von dem lüsternen und irrationalen Gedanken der Rache erfüllt, was sie unkontrollierter und aggressiver macht. Dass bis jetzt 150 Autos in Flammen aufgingen und sich die Schlachten mit der Polizei mittlerweile schon über sechs Tage ziehen, zeugt von der Zähigkeit der Masse und von ihrer Bereitschaft zur Zerstörung.

Die Masse hat Paris in Geißelhaft genommen, die Stadt leidet nun unter den Folgen einer missglückten Asylpolitik in den Beginnen der 5. Republik. Neben der Courage der Politiker nach konstruktiven, mitunter sicher auch unpopulären, Vorschlägen, zu suchen mangelt es Frankreich an Selbstreflexion zu diesem Thema. Verständnis. Frieden.

Menschlichkeit. Sucht. Asyl.

In dem Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois und in der Region Seine-Saint-Denis kam es in den letzten Nächten wiederholt zu Kämpfen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Brennende Autos. Molotowcocktails. Gummiknüppel. Tränengas.

Der einzige Ausweg aus der Spirale der sozialen Spannungen scheint die Flucht nach vorne, die Gewalt, zu sein. Wie sonst kann man es erklären, dass Jugendbanden in den Pariser Vororten zum Alltag gehören und der Ausdruck Ghetto nicht unbedingt die Problematik verfehlt? Frankreich hat aufgrund der Provinzen ein größeres Migrationsproblem als beispielsweise Österreich oder Deutschland, und Tage wie diese zeigen, dass Frankreich dieses Problem sichtbar nicht bewältigen kann.

Die Arbeitslosigkeit unter Migranten liegt mehrfach höher als die Übliche. Das ist an sich nichts Überraschendes, auch in anderen Ländern sieht die Faktenlage so aus. Kombiniert mit der Anzahl und der zunehmenden Ghettoisierung ergibt sich allerdings ein gefährlicher Cocktail. Diese Ausschreitungen werden nicht die letzten gewesen sein, solange es der französischen Regierung nicht gelingt einen anderen Kurs einzuschlagen.

Gewalt ist in den seltensten Fällen unbegründet, taucht sie in einer Masse auf, hat sie meist ein Ziel, das es zu verwirklichen gilt. Die Masse, die sich in den Straßen der Pariser Vororten sammelt, ist eine offene Masse. Sie ist in der Lage stetig zu wachsen und Menschen für sich zu gewinnen. Gleichzeitig ist sie eine sehr langsame Masse, da ihr Ziel, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit etc. ein weit entferntes ist, was sie sehr gefährlich macht, schließlich ist sie damit in der Lage lange zu wachsen und vieles an Gewalt und an Frust zu laden.

Diese offene und langsame Masse lebt nur für den Moment der Entladung. Ihr wohnt eine vom Frust dominierte Zerstörungssucht inne, die ja nicht einmal schwer nachzuvollziehen ist. Frankreich muss aufpassen, dass sie dieser Masse nicht noch mehr Macht verschafft, ansonsten könnte es zu einer sehr blutigen Entladung in den Pariser Straßen kommen. Die Aufgabe der Politik ist es, dieser Masse das Wachstum abzugraben, indem sie für tragbare soziale Zustände sorgt. Möge ihr das gelingen. Mit Vernunft. Mit Menschlichkeit.

1
Nov
2005

An Allerheiligen gedenken...

Heute, an dem Tag, den wir Allerheiligen nennen, pilgerten wieder Menschenmassen zu den Friedhöfen, um ihren verstorbenen Verwandten, Freunden oder Ehegatten zu gedenken. An einem so schönen Herbsttag, an dem das Laub wie Regen von den Bäumen fällt, kreisen die Gedanken der Menschen, zumindest ansatzweise, um den Tod und selbst das auch nur kurz.

Denn wie vieles heutzutage hat auch der Tod, dank der ständigen Überreizung von außerhalb, viel von seinem Reiz verloren. Erst wenn er in unmittelbarer Nähe ist, registrieren wir ihn. Er muss erst an uns herankommen, durch die Blockade dringen, die wir um uns erbaut haben.

Je globaler die Welt wird, desto vereinsamter wird der Mensch.
(Eine sehr vereinfachte Sicht der Dinge, dessen bin ich mir bewusst, aber gleichzeitig weise ich auf die Melancholie, die ein Tag wie dieser mit sich bringt.)

Ich bin ein Mensch, der versucht, sein Umfeld und seine Umwelt immer zu verstehen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich an Tagen wie diesen leicht bedrückt bin, ohne dass es aus religiöser Sicht heraus zu verstehen wäre, schließlich bin ich kein gläubiger Mensch. Doch so viele Menschen strömen an diesem Tag wegen ihres Traditionalismus aus ihren Häusern, gedenken ihrer Verstorbenen und versuchen die unangenehmen Gedanken, die solch ein Tag mit sich bringt, in dem Moment ihres Erflammens schon wieder zu verdrängen.

Die Kurzlebigkeit dieser Gedanken, die dem Menschen so viel an Selbstreflexion bieten würden, stimmt mich noch melancholischer. Ergibt sie sich allein aus der Angst des Menschen heraus, selbst zu sterben und besucht zu werden? Der Mensch versteht sich, allem Fortschritt und aller Erkenntnis zum Trotz, immer noch als Counterpart zum Tod. Er versteht den Tod gar nicht als Teil von sich selbst, sondern sieht in ihm das Damoklesschwert, das jederzeit herunterfallen könnte.

Doch ein solches ist nicht leicht zu verdrängen. Daher üben sich so viele Menschen in der Betäubung ihrer Sinne, neigen dazu, sich in Belanglosigkeiten ihres Alltags zu verheddern, und ignorieren mit grenzenlosem Bravour die Realität in all ihrer Brutalität. Doch das ist der eigentliche Tod. Daher gedenke ich heute auch den Menschen, die nur auf den Tod warten, ohne das Leben bereits gekostet zu haben.
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Eindrücke. Reflexionen.

Purer LukSus.

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